Der weltweite Milchmarkt steckt in einer historischen Krise: Ein massives Überangebot trifft auf schwache Nachfrage, die Preise stürzen ab. Bernhard Pointner, Geschäftsführer der Molkerei Berchtesgadener Land, erklärt im BAYENRWELLE-Interview, warum jetzt vor
allem die Verbraucher an der Supermarktkasse über die Zukunft der Berg- und Biobauern entscheiden – und weshalb ein paar Euro mehr pro Woche weit über den Milchpreis hinausreichen.
Milch im Überfluss, Preise im Keller
Die Lage wirkt paradox: Ohne Wetterextreme wie Dürren wird weltweit so viel Milch produziert wie selten zuvor. Doch Abnehmer fehlen. Handelsbarrieren und Zölle bremsen den Export, während billige Importe aus Übersee oder anderen EU-Staaten den deutschen Markt fluten. Das Ergebnis: Eine preisliche Abwärtsspirale, die viele Landwirte an den Rand der Existenz drängt.
Stabilität statt Preiskampf
Gegen diesen Trend will sich die genossenschaftliche Molkerei Berchtesgadener Land stemmen. „Wir beteiligen uns nicht an ruinösen Preiswettkämpfen“, sagt Pointner. Gewählte Bauernvertreter und Geschäftsführung legen den Auszahlungspreis an die rund 1.800 Lieferanten gemeinsam fest – basierend auf der tatsächlichen Ertragslage der Marke. Ziel: Stabilität im „Grünlandgürtel“ der Alpen. Denn ohne die Beweidung durch Milchvieh würden Almen und Steilhänge schnell zuwachsen. Derzeit zahlt die Molkerei BGL ihren Milchbauern rund 50 Cent für den Liter konventionelle Milch – bei Bio-Demeter-Milch sind es rund 71 Cent.
Was kostet uns regionale Milch?
Oft heißt es: „Zu teuer!“ Pointner rechnet vor: Für den durchschnittlichen Jahresverbrauch an Milch (45 Liter) und Butter (5,3 Kilogramm) betragen die Mehrkosten regionaler Markenprodukte pro Person gerade 1,20 Euro pro Woche – für eine Familie der Gegenwert eines Kaffees beim Bäcker. „Die Frage ist, ob uns unsere regionale Landwirtschaft diesen kleinen Betrag wert ist“, fasst Pointner zusammen.
Warum Regionalität Sicherheit gibt
In geopolitisch unsicheren Zeiten sieht Pointner im regionalen Einkauf auch Vorsorge. Kurze Wege, kontrollierte Standards – und klare Grenzwerte für Umweltschutz oder Rückstände wie Glyphosat. Die Molkerei startet daher eine Kampagne: Während Preise im Norden Deutschlands einbrechen, will man im Berchtesgadener Land Schwankungen abfedern, um Betriebsaufgaben zu verhindern. Mit einer Kommunikationskampagne will die Molkerei das Bewusstsein der Verbraucher schärfen.
Milch erlebt ein Comeback
Trotz Krise blickt Pointner optimistisch voraus. Er erwartet eine „Renaissance natürlicher Milchprodukte“. Der Hype um hochverarbeitete vegane Alternativen flacht ab, während Studien die Vorteile von Quark, Butter und Joghurt für die Gesundheit betonen. Mit Blick auf die aktuelle Lage prognostiziert Pointner kurzfristig ein anhaltendes Überangebot, und damit auch in den kommenden Monaten keine Entspannung der Lage. Langfristig erwartet er jedoch eine positive Entwicklung durch Klimawandel, Bevölkerungswachstum und steigende Nachfrage.
Die Macht liegt beim Verbraucher
Politische Hilfen wie Rückkaufprogramme hält Pointner für wenig zielführend – der Markt ist zu global. Die wahre Entscheidung treffe der Kunde. Ob die Alpenbauern überleben, entscheidet sich also weniger auf internationalen Märkten, sondern an der Kühltheke.